Menü oben

Reinhardt Jünemann

 Portrait

Seine akademischen Titel sind länger, als der Name. Dabei lassen seine beruflichen Ambitionen als Kind das nicht erahnen. Lokomotivführer will er werden. „Und Hochschullehrer bin ich schließlich tatsächlich geworden“, erinnert sich Professor em. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Dr. h.c. Reinhardt Jünemann 2009 an die Anfänge seiner über 30-jährigen, erfolgreichen Laufbahn in der Logistikforschung. Auf Jünemanns Pionierleistungen gehen wichtige Impulse für automatische Materialflusssysteme, die Simulationstechnik sowie für die Informations- und Kommunikationstechnik in der Logistik zurück. Daraus resultieren bedeutende Entwicklungen für die Intralogistik, wie automatische Regalstapler und automatisierte Staplerleitsysteme oder Roboter für Palettierungsaufgaben.

 

Jünemann, der Anfang der 70er Jahre den neu ausgeschriebenen Lehrstuhl für Förder- und Lagerwesen an der Universität Dortmund übernimmt, gilt als Mitbegründer der industriellen Logistik und viele Jahre als der „Materialfluss-Papst“ in Deutschland. Außerdem gründet Jünemann im Auftrag der Fraunhofer Gesellschaft das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund entwickelt es zu einer der weltweit führenden Forschungseinrichtungen. Neben der Forschung hat sich der Wissenschaftler um die Aus- und Weiterbildung von Logistikern auf höchstem Niveau verdient gemacht.

Eine Sternstunde, die viel über sein Wirken für die Logistik aussagt, erlebt Jünemann am 1. Dezember 1995. In Düsseldorf wird er vom damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet: Rau würdigt in seiner Laudatio Jünemanns Verdienst, „die friedvolle Definition für Logistik gefunden zu haben“, nämlich „als die wissenschaftliche Lehre der Planung, Steuerung und Überwachung der Material-, Personal, Energie- und Informationsflüsse in Unternehmen“. Der Staatspreis wird ihm „für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen auf dem Gebiet von Materialfluss und Logistik und seine Verdienste um den Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen“ verliehen.

 

Jünemann – der Pionier, der Wissenschaftler, der Manager, der Entwickler, der Firmengründer, der Jäger – es ist schwer, mit nur einem Begriff die Person zu beschreiben. Auf jeden Fall ist er von Anfang an einer, der neue Wege sucht. Einer, der sich in neues Terrain wagt und für seine Überzeugungen etwas riskiert: Nach dem Abitur zieht es den 1936 in Thaldorf/Lutherstadt Eisleben (Sachsen-Anhalt) geborenen Sohn eines Stellmacher- und Tischlermeisters nach Dresden. Dort nimmt Jünemann 1955 an der Technischen Hochschule ein Maschinenbau-Studium mit Fachrichtung Fördertechnik auf. Fünf Jahre später, 1960, hat er sein Ingenieursdiplom in der Tasche. Soweit, so gut – doch schon bald kommt es zu einem großen Einschnitt in seinem Leben.

 

Am 21. Juli 1961 kehrt der Mittzwanziger dem ungeliebten Ulbricht-Regime den Rücken und setzt sich in den Westen ab – wenige Tage vor dem Beginn des Mauerbaus. „In der DDR durfte man nicht denken. Ich wusste, dass ich in der BRD in jeder Hinsicht mehr Chancen haben würde“, erinnert sich Jünemann an die Flucht. Jünemann leidet zunächst unter Anpassungsschwierigkeiten, es gelingt ihm aber diese zu überwinden und in der Bundesrepublik beruflich Fuß zu fassen. Eine sichere Industriekarriere vor Augen, folgt der 1970 promovierte Jünemann dann aber dem Ruf der Wissenschaft, weil er glaubt, dort „mehr bewegen zu können“.

 

1971/72 schreibt die Uni Dortmund erstmals einen Lehrstuhl für Förder- und Lagerwesen aus, Jünemann wird der erste Inhaber. Sein großes Talent als Macher hilft dabei, Forschungsaufträge zu gewinnen und den Lehrstuhl auszubauen. Sein Ziel ist es stets, wissenschaftliche Erkenntnisse in Praxis und Wirtschaft umzusetzen, die angewandte Forschung ist sein Steckenpferd. Anfang der 80er Jahre erhält Jünemann von der Fraunhofer-Gesellschaft den Auftrag, in Dortmund das Fraunhofer-Institut für Transporttechnik und Warendistribution zu gründen. Das Institut hört heute auf den Namen Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) und hat sich unter Jünemanns Leitung den Ruf als eine der in der Welt führenden Forschungsanstalten erarbeitet. Der Wissenschaftler leitet das IML bis 2000. Bei seinem Weggang beschäftigt es 300 Mitarbeiter und erzielt einen Forschungsumsatz von 30 Millionen Deutschen Mark (15,3 Millionen Euro). In Nordrhein-Westfalen existieren gut 30 Unternehmen mit etwa 1000 Mitarbeitern, deren Grundlage auf das Fraunhofer-Institut oder Jünemanns Lehrstuhl zurückgeht.

 

„Ich bin immer mehrgleisig gefahren“, berichtet Jünemann, „und habe ein Leben mit sehr wenig Freizeit geführt.“ Nur die Jagd, seine große Leidenschaft, habe er sich nie nehmen lassen. Im Münsterland besitzt er sogar ein eigenes Revier.

Als negative Eigenschaften, die man ihm nachsagt, nennt Jünemann „leicht aufbrausend“, „ungeduldig“ und „impulsiv“ zu sein. Und eines seiner Laster ist, wie er zugibt, schnell Auto zu fahren.

 

Neben der Forschung hat sich der 2001 emeritierte Jünemann besonders der Aus- und Weiterbildung von Logistikern gewidmet: An seiner Fakultät gibt er die wesentlichen Impulse für die Einrichtung des Zusatzstudiengangs für Kauffrauen und Kaufmänner der Logistik (1988) sowie des Diplom-Studiengangs Logistik (1998/99).,Ein guter Logistiker zeichne sich dadurch aus, meint Jünemann, „dass er sich klare Ziele setzt, systematisch und methodisch arbeitet und sich zeitlich engagiert.“ Und er gibt zu bedenken: „Wenn man viel umsetzen will, muss man viele Widerstände überwinden. Als ich noch aktiv war, hatte ich viele Neider, viele Feinde.“

Noch im Jahr 2009 beschäftigt sich der Professor a.D. mit der Forschung zur automatischen Containerbe- und -entladung. Außerdem schreibt er an einem Buch über die „Dortmunder Logistikschule“. „Das will ich noch schaffen“, sagt Jünemann, „und es dann ruhiger angehen lassen.“ Ob es ihm tatsächlich gelingt, „es ruhiger angehen zu lassen“, scheint bei einem Mann mit so viel Energie zumindest fraglich: „In der Logistik ist so viel zu tun, da könnte man nochmal 100 Jahre leben“, sagt Reinhardt Jünemann.

 

Von Matthias Pieringer und Serge Voigt

Fotos: Jan Scheutzow

 

Verdienste

  • Professor em. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Dr. h.c. Reinhardt Jünemann (*1936) gilt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als der deutsche Materialfluss-Papst. Aufgrund seiner herausragenden Pionierleistungen als Mitbegründer der industriellen Logistik wurde er 2009 in die Logistik Hall of Fame aufgenommen.
  • Reinhardt Jünemann war der erste Inhaber des 1971/72 neu ausgeschriebenen Lehrstuhls für Förder- und Lagerwesen an der Universität Dortmund. 1980 gründet Jünemann im Auftrag der Fraunhofer-Gesellschaft das Fraunhofer-Institut für Transporttechnik und Warendistribution. Das Institut hört mittlerweile auf den Namen Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik und hat sich unter der Leitung von Jünemann den Ruf als eine der führenden Forschungsanstalten in Sachen Logistik erarbeitet. Der Wissenschaftler leitete das IML bis 2000. Bei seinem Weggang beschäftigte es 300 Mitarbeiter und erzielte einen Forschungsumsatz von 30 Millionen Deutschen Mark (15,3 Millionen Euro).
  • Von den Einrichtungen Professor Jünemanns und den kooperierenden Unternehmen gingen wichtige Impulse für automatische Materialflusssysteme, die Simulationstechnik sowie für die Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnik in der Logistik aus. Daraus resultierten bedeutende Entwicklungen für die Intralogistik, darunter automatische Regalstapler und automatisierte Staplerleitsysteme, Roboter für Palettierungsaufgaben oder der Dortmunder Simulator für Materialflusssysteme.
  • In Nordrhein-Westfalen existieren gut 30 Unternehmen mit rund 1000 Mitarbeitern, deren Grundlage auf das Fraunhofer-Institut oder den Lehrstuhl zurückgeht.
  • Neben der Forschung hat sich Jünemann um die Aus- und Weiterbildung von Logistikern auf höchstem Niveau verdient gemacht. An seiner Fakultät gab er die wesentlichen Impulse für die Einrichtung des Zusatzstudiengangs für Kauffrauen und Kaufmänner der Logistik (1988) sowie des Diplom-Studiengangs Logistik (1998/99).
  • 1987 wurde Jünemann mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. 1995 wurde ihm der Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen verliehen. Jünemann hat eine Ehrenprofessur in China (1988), die Ehrendoktorwürde in Ungarn (1990) und Dresden (1993), Ehrenzeichen des VDI (Verein Deutscher Ingenieure), Ehrenmitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (1995) und die Ehrenmitglied der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften (1998).

 

Fotos: Jan Scheutzow

 

Lebenslauf

1936 geboren in Thaldorf/Lutherstadt Eisleben (Sachsen-Anhalt)

1960 Abschluss als Diplom-Ingenieur für Maschinenbau an der Technischen Hochschule Dresden

1961 Flucht aus der DDR in die BRD

1961 bis 1972 diverse Industrietätigkeiten bei den Rheinstahl Hüttenwerken und der Bayer AG

1970 Promotion zum Doktor-Ingenieur an der TU Berlin

1972 bis 2001 Professor an der Uni Dortmund, Lehrstuhl für Förder- und Lagerwesen, Fakultät für Maschinenbau

1981 bis 2000 Gründer und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund

2009 Aufnahme in die Logistik Hall of Fame