| Peter Klaus |
|
PortraitPeter Klaus hat den deutschen Logistikmarkt so genau vermessen wie kein Zweiter. Das Ergebnis seines Schaffens ist die populäre Studie „Top 100 der Logistik“. Es gibt keine Nische des Logistikmarktes, zu der sich dort nicht eine passende Maßzahl findet. Verdichtet wurde diese Maßarbeit auf zwei Werte: 205 Milliarden Euro Marktvlumen und 2,7 Millionen Beschäftigte.
Zwei Zahlen mit weitreichenden Folgen: Mit diesen zwei Zahlen beendet die Logistik ihr Schattendasein, ihr Image als Verkehrslärm und Staus produzierendes Ungetüm. Logistik wird populär und gilt in Politik und Wirtschaft auf einmal als Boombranche und Jobmotor. Logistik wird jetzt in einem Atemzug mit den großen Industriebranchen genannt. Zahlreiche regionale Logistikinitiativen entstehen und Gemeinden reißen sich um neue Logistikzentren. Hochschulen richten unermüdlich neue Logistikausbildungsgänge ein. Mit diesen zwei Werten macht Klaus Logistik begreifbar, gibt ihr ein Gesicht und rückt sie ins Licht der Öffentlichkeit – bis hin zur Bundeskanzlerin. Und das, obwohl er selbst keiner ist, der ins Rampenlicht drängt.
Trotzdem scheut der Vollblutwissenschaftler Mitte der 90er Jahre nicht davor zurück, von Wissenschaftskollegen, Marktforschern oder Beratern veröffentlichte Logistikkennzahlen kritisch zu hinterfragen. Auch wenn Klaus alles andere als ein Rauhbein ist, mit seiner Art sich eine eigene Meinung zu leisten und kritisch Stellung zu beziehen, macht er sich nicht nur Freunde. „Tonnenkilometer sind im Zusammenhang mit der Straßennutzung übrigens ein ziemlich blödes Maß“, bemängelt Klaus zum Beispiel. Er plädiert für Anwesenheitsminuten als richtige Maßzahl für die Straßenbelastung. Damit wird deutlich, welchen Bereich der Professor der Universität Erlangen/Nürnberg als nächstes vermessen will. Und, typisch Klaus, lädt er sich noch ein weiteres Projekt auf die Schultern: „Lagerbestände sind in der Logistik ein riesen Thema. Aber keiner weiß eigentlich, wie groß die in Deutschland sind.“ Genau dass, so Klaus nachdenklich, sei seine Schwäche. Er könne einfach nicht nein sagen. „So musste ich oft viele Bälle gleichzeitig jonglieren. Da kann es passieren, dass einer auf den Boden fällt“, sagt einer, der durch sein improvisiertes Zeitmanagement manchmal etwas zerstreut wirkt.
Das ändert sich auch nicht, als Klaus im Frühjahr 2009 emeritiert ist. Denn seine To-Do-Liste ist mit den neuen Vermessungsaufgaben noch nicht zu Ende. „Ich hatte zuletzt zu wenig Zeit für Publikationen“, räumt Klaus ein. Wann auch? Wer je versucht hat, den Wissenschaftler ans Festnetztelefon zu bekommen, weiß, der Mann ist in Sachen Logistik viel unterwegs. „Ich reise gerne“, sagt er selbst. Am meisten freut er sich auf seine künftigen Lehraufgaben am Georgia Institute of Technology in Atlanta, Georgia, USA. Der angehende Ruheständler hatte schon als junger Mann einen Faible für die Vereinigten Staaten. „Damals mehr noch als heute stand die USA für alles Gute und Moderne“, schwärmt der Speditionserbe. Im Rahmen seiner Ausbildung war der gelernte Speditionskaufmann zum Studieren im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. „Bis heute ist man hier experimentierfreudiger“, sagt einer, der dort seinen Pilotenschein gemacht hat. Den zu erhalten, fehlt ihm später jedoch die Zeit.
Pilot wäre etwas gewesen, was er hätte werden wollen, wenn es die Logistik in seinem Leben nicht gegeben hätte. Die aber ist immer allgegenwärtig. Klaus wächst auf in der väterlichen Stückgutspedition Kraftverkehr Klaus in Nürnberg. Dort lernt er das Geschäft von der Pike auf – inklusive Führerschein Klasse 2. „Touren im Fernverkehr waren Ehrensache“, so der unprätentiöse Spediteursnachfahre zu seinen ersten Erfahrungen in der Logistik. Mit 28 ist der 1944 geborene Klaus Geschäftsführender Gesellschafter eines 500-Mtarbeiter-Unternehmens, das er 1977 an den Unilever-Konzern verkauft. „Für einen Nischenanbieter waren wir zu groß und für die damals aufkommenden flächendeckenden Stückgutnetze alleine zu klein“, begründet er den Schritt. Endlich hat er die Zeit, sich seiner wahren Passion zu widmen: der Forschung. „Als Geschäftsführer habe ich fünf Jahre kein Buch gelesen.“ Dazu zieht es den an der Universität Erlangen/Nürnberg diplomierten Kaufmann mitsamt seiner Familie erneut in die USA. Er studiert Wirtschaftsingenieurwesen und promoviert. Beeindruckt ist er von dem im Vergleich zu Deutschland offeneren und kollegialeren Umgang mit den Studenten und der anderen Art, Wissenschaft zu machen. „Theorie und Praxis werden in den Staaten viel besser verknüpft.“ Daran dort zu bleiben, denkt er aber nie: „Das muss man mit Anfang 20 machen.“ Sein Schritt zurück nach Deutschland ist eine Professur an der Fachhochschule Pforzheim. Bei der Bewerbung kommen ihm neben seiner Praxiserfahrung als Spediteur seine USA-Aufenthalte zugute. Allerdings lässt ihm die hohe Lehrverpflichtung an der FH zu wenig Raum zum Forschen. Also arbeitet der ehrgeizige Professor an seiner Habilitation. Denn wenn schon Professor, dann richtig an der Universität, sagt sich der Wissenschaftler. Sein Wunsch geht in Erfüllung, bevor die Habilitationsschrift fertig ist.
1990 wird er Professor und Inhaber des damals neu eingerichteten Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Logistik, an seiner Heimatuniversität Erlangen/Nürnberg – ohne seine Habilitation je beendet zu haben. Auch diesmal hilft sein ungewöhnlicher Lebensweg mit der Mischung aus praktischer Erfahrung und akademischer Laufbahn im Ausland. Hier in Franken macht er sich schließlich ans Werk, die Logistik zu vermessen.
Von Matthias Pieringer und Serge Voigt Fotos: Jan Scheutzow
Verdienste
Fotos: Jan Scheutzow
Lebenslauf1944 geboren am 9. März in Frankfurt/Oder 1663 Abitur an der Dürer-Oberrealschule in Nürnberg 1964 bis 1966 Lehre zum Speditionskaufmann im väterlichen Betrieb Kraftverkehr Klaus in Nürnberg 1968 Abschluss des Studiums der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg als Diplom-Kaufmann 1970 bis 1978 diverse leitende Funktionen bei Kraftverkehr Klaus, seit 1972 geschäftsführender Gesellschafter 1997 Verlauf von Kraftverkehr Klaus an den Unilever-Konzern 1979 bis 1983 Studium und Promotion in den USA: 1982 „Master of Science (Transportation)“ am Massachusetts Institute of Technology, Cambridge und 1983 Abschluss als Doctor of Business Administration, Universität Boston 1982 bis 1995 Professor für Betriebswirtschaftlehre an der Fachhochschule für Wirtschaft in Pforzheim Seit 1990 Universitätsprofessor, Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftlehre, insbesondere Logistik, an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Seit 1995 Leiter Fraunhofer Arbeitsgruppe für Technologien in der Logistikdienstleistungswirtschaft (ATL) in Nürnberg Seit 2006 Sprecher des „Clusters Logistik“ in der vom Bayerischen Wirtschaftsministerium gestarteten „Cluster Offensive“ 2009 Aufnahme in die Logistik Hall of Fame
|
