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Klaus-Michael Kühne

Portrait

Das Schweizer Dorf Schindellegi verdankt ihm Weltruf. Vor rund 30 Jahren verärgert die sozial-liberale Koalition und allen voran SPD-Altkanzler Willy Brandt Alfred und Klaus-Michael Kühne so sehr, dass die kurzerhand Wohnsitz und Firma in die Schweiz verlegten. Als echter Schweizer fühlt sich der Hamburger Klaus Michael Kühne bis heute dennoch nicht. „Ich lese deutsche Zeitungen und sehe deutsches Fernsehen."

 

Wenn auch kein echter Schweizer, ein echter Unternehmer ist er allemal. „Ich bin autoritär“, skizziert Kühne den Führungsstil, mit dem er sein Unternehmen in die Spitzengruppe der Logistikdienstleister geführt hat. Menschen die ihn kennen beschreiben ihn als detailverliebten Machtmensch, besessenen Workaholic, sparsam bis geizig, spröde bis introvertiert, und humorvoll. Er selbst dementiert keines der Attribute. Der Mann, Jahrgang 1937, ist ein Vollblutunternehmer, und dazu gehört auch, dass Aufhören für Klaus-Michael Kühne längst noch kein Thema ist. Und das, obwohl er eine sinnvolle Alternative zum Tagesgeschäft als Verwaltungsratsvorsitzender und Mehrheitsgesellschafter der weltweit größten Seefracht- und viertgrößten Luftfrachtspedition, Kühne + Nagel, hätte. „Derzeit sehe ich weder die Notwendigkeit noch bin ich ambitioniert, mich ganz auf das Tun in meiner Stiftung zu beschränken“, sagt Kühne.

 

Sein Arbeitstag beginnt zwischen acht und halb neun. „So um sieben verlasse ich abends das Unternehmen“, und fast entschuldigend fügt er hinzu „aber ich nehme mir Arbeit mit und lese zu Hause die Post.“ Wenn er sich unterhält, diskutiert Kühne lieber über Politik als über Logistik. Aber etwas anderes zu werden als Spediteur, konnte er sich nie wirklich vorstellen. „Wenn sie der Sohn eines ehrgeizigen Vaters sind, dessen ganzer Stolz das Unternehmen ist und es auch zu Hause eigentlich kein anderes Thema als die Firma gibt, dann ist ihr Weg eindeutig vorgezeichnet“, erklärt Kühne. „Sicherlich ist man ein bisschen rebellisch in jugendlichen Jahren und denkt über andere Dinge nach und fragt sich, muss man dem folgen, was der Vater sagt – aber es gab keine größeren Probleme.“ Studiert hätte er zwar schon gerne, aber er fügt sich und steigt stattdessen mit 26 Jahren in das Unternehmen ein, mit 29 ist er persönlich haftender Gesellschafter und Vorstandsvorsitzender der neu gegründeten Aktiengesellschaft. „Ich bin ein harter Knochen, habe stets gekämpft und dabei Erfolg gehabt“, sagt Kühne über sein Schaffen. Sein größter Flop ist der Kauf eigener Schiffe und der Versuch, sich nicht nur als Spediteur, sondern auch als Reeder zu betätigen. „Wir sind damals übermütig geworden“, gesteht Kühne ein, der sich schnell auch mal über Kleinigkeiten ärgern kann. Von Schiffen hätten sie eigentlich nichts verstanden. Das Unternehmen erleidet Schiffbruch, und Kühne muss 1981 die Hälfte des Konzerns an die britische Lonrho-Gruppe verkaufen. Doch er schaffte das Comeback, kann seine Anteile zurückkaufen und später an die Börse bringen. Unter seiner Führung erhöht sich die Mitarbeiterzahl von 1000 auf zuletzt 23.000. Der Umsatz legt alleine 2004 um 20 Prozent auf 11,5 Milliarden Schweizer Franken (7,4 Milliarden Euro) zu.

 

Der prägende Mensch in seinem Leben ist Vater Alfred. Auf ihn geht auch die Gründung der gemeinnützigen Kühne-Stiftung zurück. Ursprünglich dient die Stiftung als Auffanggesellschaft für das Firmenvermögen, für den Fall, dass dem kinderlosen Klaus-Michael etwas zustößt. „Aber ich wollte das zu Lebzeiten ins Laufen bringen und habe der Stiftung aus meinen Firmenerträgen gewisse Zuwendungen gemacht“, erzählt Kühne. Derzeit jährlich etwa 3,2 Millionen Euro. Mit dem Geld fördert Kühne Forschung sowie Aus- und Weiterbildung in der Logistik: Die Hamburg School of Logistics, mittlerweile Kühne School, das Kühne-Zentrum für Logistikmanagement an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung und den Stiftungslehrstuhl „Internationale Logistiknetze" am Bereich Logistik der Technischen Universität Berlin. Weitere Kooperationen sollen folgen, dann allerdings im englischsprachigen Ausland. „Medizin interessiert meine Frau besonders, ihr zuliebe sind wir jetzt eine Kooperation mit dem Kinderspital der Uni Zürich eingegangen“, erläutert Kühne die vom Logistikschwerpunkt abweichenden Aktivitäten seiner Stiftung. Auch wenn seine Arbeit als Unternehmer noch immer den Tag bestimmt, verwendet Kühne einen zunehmenden Teil seiner Zeit für die Stiftungstätigkeit. Er will die Forschungsarbeiten und Ausbildungsprogramme seiner vier Universitätspartnerschaften bündeln. „Das macht Fortschritte, aber Eifersüchteleien zwischen den Wissenschaftlern erfordern viele Gespräche“, sagt einer, der durch die Stiftung die ihm bislang verschlossene akademische Welt kennenlernt. „Die Berufung von Professoren läuft ganz anders, als wir das im Unternehmen handhaben würden.“ Eines aber ist doch gleich: Wie im Unternehmen redet er auch hier bei der Besetzung der Top-Posten ein entscheidendes Wort mit.

 

Von Serge Voigt und Anita Würmser

Fotos: Jan Scheutzow

 

Verdienste

  • Aufgrund seiner unternehmerischen Leistungen im Bereich des Speditionswesens und seines persönlichen Engagements als Stifter zur Förderung von Aus- und Weiterbildung sowie Wissenschaft und Forschung auf den Gebieten der Verkehrswirtschaft und Logistik wurde Klaus-Michael Kühne (*1937) im Jahr 2005 in die Logistik Hall of Fame aufgenommen.
  • Im Alter von 26 Jahren stieg Klaus-Michael Kühne als persönlich haftender Gesellschafter in die Spedition seines Vaters ein. Mit dem Kauf eigener Schiffe versuchte sich Kühne zwischen den 70er und 80er Jahren zudem als Reeder. Doch das Unternehmen erlitt Schiffbruch und er musste Teile des Konzerns an die britische Lonrho-Gruppe verkaufen. Doch Kühne schaffte das Comeback und konnte seine Anteile zurück kaufen und später erfolgreich an die Börse bringen. Unter seiner Führung wurde der Logistikdienstleister zur weltgrößten See- und viertgrößten Luftfahrtspedition. Unter seiner Führung erhöhte sich die Mitarbeiterzahl von 1000 auf zuletzt 23.000.
  • Die gemeinnützige Kühne-Stiftung wird ausschließlich von Klaus-Michael Kühne als nunmehr alleinigem Stifter getragen. Kühne investiert jährlich fünf Millionen Schweizer Franken in die Stiftung, die eines Tages auch seine Aktienanteile an Kühne + Nagel halten soll.
  • Seit vielen Jahren fördert die Stiftung in berufspädagogischen Seminaren die Ausbildung von Berufschullehrern in der Schweiz und in Deutschland. In den letzten Jahren hat Kühne seiner Stiftung beträchtliche Mittel zugeführt, die sie in die Lage versetzt hat, in Kooperationen mit Universitäten und Hochschulen einzutreten. Derzeit sind es jährlich etwa 3,2 Millionen Euro. Mit dem Geld fördert Kühne Forschung sowie Aus- und Weiterbildung in der Logistik, unter anderem das Kühne-Zentrum für Logistikmanagement an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung und den Bereich Logistik an der Technischen Universität Berlin. Als der Hamburger Senat die Initiative ergriff, ein Projekt der Logistikausbildung auf Hochschulniveau zu realisieren, entschloss sich Kühne, gemeinsam mit der Hansestadt sowie der Technischen Universität Hamburg Harburg die „Hamburg School of Logistics“ zu gründen, welche seit Herbst 2004 einen einjährigen englischsprachigen MBA-Kursus als Vollzeitstudium anbietet. Weitere Kooperationen sollen folgen, dann allerdings im englischsprachigen Ausland.
  • Für Klaus-Michael Kühne ist die Entwicklung seiner Stiftungsarbeit ein besonderes Anliegen. Sie diene dem Gemeinwohl und verleihe gleichzeitig der Berufssparte zusätzliche Professionalität.

 

Fotos: Jan Scheutzow

 

Lebenslauf

1937 geboren am 2. Juni in Hamburg, Bank- und Außenhandelslehre, verschiedene Positionen bei befreundeten Speditionen, Reedereien und Schiffsmaklern

1963 Kühne tritt im Alter von 26 Jahren als persönlich haftender Gesellschafter in die Konzernführung von Kühne & Nagel ein

1966 Übernahme des Postens als Vorstandsvorsitzender der 1965 gegründeten Kühne + Nagel Speditions-AG

1974 Das Unternehmen verlegt seinen Sitz in die Schweiz

1976 Die Familie Kühne gründet die gemeinnützige Kühne-Stiftung, deren alleiniger Träger Klaus-Michael Kühne heute ist

1981 Der Mischkonzern Lonrho übernimmt die Hälfte an Kühne + Nagel. Klaus-Michael Kühne wird einer der Geschäftsführenden Verwaltungsräte

1991 Klaus-Michael Kühne kauft alle von Lonrho gehaltenen Anteile an seinem Unternehmen zurück

1992 Viag und die Deutsche Handelsbank steigen bei Kühne + Nagel ein

1994 Kühne + Nagel geht an die Börse, Kühne hält 55,75 Prozent der Aktien

2004 Klaus-Michael Kühne wird mit einem geschätzten Vermögen von zwei Milliarden US-Dollar auf Platz 277 der renommierten Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt geführt

2005 Aufnahme in die Logistik Hall of Fame