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Horst Wildemann

 Portrait

„Ich habe japanisch gelernt, es aber nie zu mehr gebracht, als Essen zu bestellen.“ Das sagt einer, der die japanischen Erfolgsrezepte, allen voran Just-in-Time und Kanban, vom Japanischen ins Deutsche übersetzt hat. Professor Horst Wildemann, Manager, Lehrer, Praktiker aus Leidenschaft und bekennender Wissenschaftler.

 

„Kein blasser Jünger der Wissenschaft, kein hermeneutisches Trüffelschwein und schon gar kein Altbausanierer im Reich des Geistes“, wie er sich selbst charakterisiert. Bereits Anfang der 80er Jahre treibt den eloquenten Professor, den es aus Spaß an der Sache an die neu geschaffene Provinz-Uni Passau zieht, die Frage um, wie japanische Managementprinzipien auf europäische Verhältnisse zu übertragen sind. Warum sind die japanischen Autobauer so erfolgreich? Als er die Antwort hat, ist es vorbei mit der Beschaulichkeit im lauschigen Donaustädtchen. Tausende pilgern nach Passau, um seine Lösungen zu hören. Und aus dem Provinz-Professor wird der Produktions- und Logistikguru der deutschen Automobilindustrie. Nach einem Jahrzehnt ist ihm dann das beschauliche Donaustädtchen Passau doch zu eng, und auch ein wenig die Automobilindustrie. Aber die Entscheidung fällt nicht für St. Gallen, Los Angeles, die TU Berlin oder die Uni Dortmund. Auch Industrieangebote gibt es reichlich, darunter soll auch die Chefetage eines namhaften deutschen Autoherstellers sein.

Er schlägt sie alle aus. München soll es sein, das Institut für BWL an der Technischen Universität. Dort ist er bis heute Wissenschaftler und erfolgreicher Unternehmer in einem. In seinem Beratungshaus TCW Transfer-Centrum beschäftigt er über 80 Mitarbeiter und veranstaltet an der TU sein Münchener Management Kolloquium mit jährlich 1000 Teilnehmern und der wahrscheinlich höchsten Top-Manager-Dichte bei einem Kongress.

 

Wildemann liebt die Komplexität und noch mehr, sie zu reduzieren. Er hantiert mit mathematischen Modellen, und es brennt ihm auf den Nägeln, seine Theorien in der Praxis zu verifizieren. Nicht ohne sich um den Genuss zu bringen, die Vorstandschefs davon zu überzeugen. Aber bitte in weniger als 30 Minuten, denn Zeitmanagement ist das Steckenpferd des selbstbewussten Professors und „ich brauche 30 Minuten ihrer Zeit“ seine Eintrittskarte in die Vorstandsetagen der deutschen Wirtschaft. „Man muss das Klavier schon beherrschen, damit das Ganze Spaß macht“, schmunzelt er. Und „man muss sich dem unbedingten Test eines realen Versuches stellen, denn die Leute haben mir ja nicht wegen meiner blauen Augen geglaubt.“ Geglaubt wird ihm nicht nur in den Vorstandsetagen der Automobilindustrie. Telekommunikation, Energie, Logistik – seine Kunden kommen mittlerweile aus fast allen Branchen.

 

Sein Erfolgsrezept: Der klare Kostenfokus und die Kunst, die richtigen Themen auszuwählen. Fast schon penetrant fragt er nach dem Mehrwert, der betriebswirtschaftlichen Rechtfertigung. Er klebt nicht an Themen, eher schon an Methoden. Just-in-Time, E-Business, Elektronischer Einkauf, China-Sourcing, Supply Chain Management – in eine Schublade stecken lässt er sich nicht so leicht. Wildemann ist den meisten deutschen Forscherkollegen immer eine Nasenlänge voraus. Und an Selbstbewusstsein fehlt es ihm auch nicht: „Warum soll ich mich mit einem Sachbearbeiter abgeben, wenn ich nicht mit dem Vorstandsvorsitzenden reden kann“, gibt er ebenso unbescheiden wie ehrlich zu. Eine Devise, die dem Mathe-Genie und einstigen DDR-Eliteeschüler nicht nur den Ruf des überheblichen Einzelkämpfers, sondern auch ausgezeichnete Industriekontakte einbringen – und dazu jede Menge Neider. Etablierte Professoren vereißen ihn und seine Publikationen schon früh. Heute macht ihm das nichts mehr aus. Früher schon eher, gesteht er, und die Erklärung findet sich in seiner Biografie.

 

Nach der Flucht des Vaters aus der DDR, muss der 16-jährige einst wohlbehütete Eliteschüler, plötzlich als Traktorfahrer in Mecklenburg seine Brötchen verdienen. Acht Monate hält er es aus, dann flieht auch er in den Westen.

Es folgen eine Lehre als Werkzeugmacher, nebenbei Abendschule, Abitur, kurze Jahre Maschinenbaustudium. Danach bei Eunuco am Zeichenbrett und nach drei Monaten ist ihm klar: Er würde nie zur Fraktion der Birkenstockträger gehören. Als Vorstandsassistent bei Ford hat er das Managen gelernt. Geliehene Macht, wie Wildemann das nennt: „Freitag Mittag bis Sonntag Abend war meine Hauptarbeitszeit“ und während der Woche studiert er BWL – er war sich selbst nicht klug genug.

 

Die Autoindustrie hat ihm viel zu verdanken. Eine Partnerschaft, die auf Gegenseitigkeit beruht, wie Wildemann sagt. „Hätten die mir nicht zugehört und einige Experimente gewagt, wäre ich auch nicht weitergekommen.“ Zum Dank fährt der Professor mit dem Hang zu schnellen Autos immer das Modell seines größten Kunden – heute braust er mit einem Audi davon.

 

Von Anita Würmser

Fotos: Erwin Fleischmann

 

Verdienste

  • Univ.-Prof. Dr. Dr. habil. Dr. h.c. Horst Wildemann (*1942) gilt Ende des 20. Jahrhunderts als der Experte japanischer und amerikanischer Logistik-und Produktionssysteme. Einer seiner größten Verdienste war die Pionierarbeit im deutschsprachigen Raum für die Anwendung der Just-in-Time-Produktion und Logistik. Er hat diese aus Japan kommende Philosophie an europäische Verhältnisse angepasst, in den deutschen Autokonzernen „eingeführt“ und weiterentwickelt. Damit gilt er als der Vater des deutschen Just-in-Time-Konzeptes und einer der profundesten Kenner der deutschen und internationalen Automobilindustrie. Für diese Leistung wurde er 2004 in die Logistik Hall of Fame aufgenommen.
  • Wildemann gilt als eine herausragende Persönlichkeit der deutschen Betriebswirtschaftslehre und Logistik der Gegenwart und ist sozusagen der Spitzenmanager unter den Logistikprofessoren mit Weltruf. Sein Werk (circa 38 Bücher und 500 Aufsätze; Organisation von Logistikkongressen, Seminaren und Workshops) in den Bereichen Logistik, Supply Chain Management, Einkauf, strategische lnvestitionsplanung, Fertigungsorganisation sowie Planung, Bewertung und Einführung neuer Technologien ist einzigartig in Deutschland. Die Umsetzung dieser Konzepte, insbesondere in der Automobil- und Automobilzulieferindustrie, aber auch im Maschinenbau und der Elektrotechnik, haben entscheidend zur Stärkung der deutschen Industrie beigetragen.
  • Wie kaum ein anderer hat Wildemann das Denken des Managements in logistischen Dimensionen befruchtet. Er war Mitinitiator des Deutschen Logistikkongresses der BVL und veranstaltet seit 1990 mit dem Münchner Management Kolloquium seinen eigenen Kongress, der mittlerweile zu den Top-Managementkongressen gezählt wird.
  • Auch unternehmerisch ist Wildemann erfolgreich. Er hat eine Reihe von Unternehmen mitgegründet, darunter die Unternehmensberatung TCW Transfer-Centrum mit 80 Mitarbeitern, deren Geschäftsführender Gesellschafter er ist.
  • Wildemann ist ein international renommierter Experte und Gutachter für logistische Fragestellungen für Unternehmen, die öffentliche Verwaltung, Forschungsinstitute (DFG, AiF) und Gerichte. Seit 1991 ist er Vorsitzender des Gutachterausschusses für den Bayerischen Qualitätspreis. Er war und ist Vorstandsmitglied in mehreren Unternehmen und Aufsichtsratsmitglied bei Interroll AG, Klöckner AG, Zeppelin GmbH. Beiratsmitglied ist er bei Großhaus GmbH, AOL GmbH Deutschland, Siepmann-Werke GmbH & Co. KG. Er war Mitglied im Gründungssenat der Hochschulneugründung der Universitäten Vallendar und Ingolstadt. Er hat zahlreiche Ämter in nationalen und internationalen wissenschaftlichen Gremien inne und hat Rufe an die Universitäten Stuttgart-Hohenheim, Dortmund, FU und TU Berlin, University of Indianapolis, Hochschule St. Gallen, University of Southern California, Los Angeles abgelehnt. Ehrungen: ZfB-Autor des Jahres. Staatsmedaille des Freistaats Bayern, 2001 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. 2003 Ehrendoktorwürde der Universität Klagenfurt.

 

Fotos: Erwin Fleischmann

 

Lebenslauf

1942 geboren am 4. Januar in Lodz, verheiratet, 2 Töchter, Interessen: Golf, Moderne Kunst, Bildhauerei, klassische Musik

1948 bis 1956 Oberschule, später Hilfsarbeiter und Republikflucht

1958 bis 1961 Ausbildung zum Werkzeugmacher

1960 bis 1968 diverse Bildungsstationen mit Studium des Maschinenbaus an der FH Köln und RWTH Aachen mit Abschluss zum Dipl.-Ing.

1961 bis 1963 Werkzeugmacher bei der Eumuco AG in Leverkusen

1967 bis 1971 Maschinenbauingenieur bei der Ford AG in Köln

1968 bis 1972 BWL-Studium mit Abschluss Diplom-Kaufmann an der Universität Köln

1974 Promotion zum Dr.rer.pol an der Universität Köln; anschließend Habilitation in BWL

1974 bis 1980 Auslandsaufenthalte am Int. Management Institute in Brüssel, der University of Southern California, Los Angeles und University of Indianapolis, Indianapolis, Habilitationsstipendiat der deutschen Forschungsgemeinschaft

1980 Habilitation in Köln

1980 bis 1981 Universität Bayreuth, Lehrstuhl für BWL und Industriebetriebslehre

1981 bis 1989 Universität Passau, Lehrstuhl für BWL mit Schwerpunkt Fertigungswirtschaft

Seit 1989 Technische Universität München, Lehrstuhl für BWL mit Schwerpunkt Logistik

2004 Aufnahme in die Logistik Hall of Fame