Menü oben

Heinz Fiege und Hugo Fiege

 Portrait

Verschiedener können Brüder kaum sein. Der eine - Heinz - der Macher, hemdsärmlig, impulsiv bis aufbrausend und geradeheraus. Der andere - Hugo - der Akademiker und Stratege, ruhig, redegewandt und diplomatisch. Ein ungleiches Brüderpaar, das trotz oder vielleicht sogar wegen der Unterschiede in mehr als 37 gemeinsamen Jahren aus dem Grevener Straßentransporteur Fiege einen internationalen Logistikkonzern gemacht hat. Einer, der beide lange kennt, bringt es auf den Punkt: „Der Bauch von Heinz und der Kopf von Hugo ist die ideale Kombination“, sagt Hanspeter Stabenau, selbst Mitglied in der Logistik Hall of Fame.

 

Zusammen gelten Heinz und Hugo Fiege heute in Fachkreisen als die Pioniere, die Erfinder der Kontraktlogistik. Davon ist 1967, als der gelernte Speditionskaufmann Heinz mit 22 Jahren das Familienunternehmen übernimmt, noch keine Rede. 1974 – Heinz ist 29, Hugo 25 Jahre alt – beginnt der Schulterschluss der Brüder. Heinz fordert das Jahre zuvor gegebene Versprechen seines jüngeren Bruders ein, nach dem BWL-Studium ins Unternehmen zu kommen. Der hat damals eigentlich ganz anderes im Sinn: „Hätten wir kein Speditionsunternehmen gehabt, wäre ich garantiert nicht Spediteur geworden, schon eher Architekt“, meint Hugo. Was beide nicht daran hindert, das Unternehmen neu aufzustellen und aus dem Transportunternehmen des Urgroßvaters einen Logistikdienstleister zu formen, wie es ihn am Markt bis dato nicht gibt. Die erste wirkliche Richtungsentscheidung fällt Ende der 80er: Rückzug aus der Spedition, Abschaffung des Fuhrparks. Im Nachhinein die wichtigste Entscheidung, die man jemals getroffen habe, „der Urknall der Kontraktlogistik’“, meinen beide. Heute mag es zu den weniger emotional diskutierten Selbstverständlichkeiten der Logistik gehören, Ende der 80er ist es eine schwere Entscheidung mit offenem Ausgang. „Die Frontlinie“, erzählt Hugo, „verlief damals nicht zwischen den Brüdern, die Frontlinie lief zwischen den Brüdern und den Managern.“ Der Fuhrpark stellt einen Wert dar und Fernverkehrslizenzen werden unter der Hand zum Preis von Einfamilienhäusern gehandelt. „Das ist das Ende von Fiege, sagte einer“, erinnert er sich.

 

Es wird der Anfang einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, die genau genommen zufällig beginnt. Nach den ersten logistischen Gehversuchen kommt der japanische Reifenhersteller Bridgestone – „mit Anforderungen, die wir in diesem Sinne noch gar nicht kannten,“ sagt Heinz: „Da haben wir zum ersten Mal ein ganzheitliches Logistikmodell entwickelt.“ Was Logistik im Fiege´schen Sinn ist, steht in der Familienchronik: „...die unabhängige Steuerung von logistischen Ketten (...) dazu gehört die Beschaffung der Güter für die Industrie und den Handel, genauso wie der Absatz der Industrie hin zum Verbraucher. Zur logistischen Kette gehören das Lagerthema, die Verpackung, sie beinhaltet die Mehrwerte an der Ware, wo der Preis ausgezeichnet wird, Waren kontrolliert werden, sie umfasst die Regalpflege und andere Leistungen, wobei der Transport (...) eine untergeordnete Bedeutung hat.“ Symbolisch dafür steht ein Stückpreis pro Reifen, den Fieges als Lohn für ihre Dienste erhalten. Dafür realisieren die Unternehmer die komplette Logistikkette von den Fabriken in Fernost bis zum Händler in Deutschland. „Dass wir Bridgestone getroffen haben, war Glück“, erinnert sich Hugo, „und alles andere geplant.“ In der Bilanz schlug die Logistik damals noch mit überschaubaren 20 Prozent an den Umsätzen von 60 Millionen Mark zu Buche.

 

Der Mauerfall, die Öffnung Osteuropas und die Globalisierung zwingen zur nächsten Richtungsentscheidung. Die Brüder widerstehen letztlich den Verlockungen der Börse ebenso wie den zahlreichen Übernahmeangeboten. „Wir wollten ein Familienunternehmen bleiben“, sagt Heinz. „Aus dieser Position konnten wir nicht alle Produkte in allen Ländern anbieten. So haben wir uns auf das stärkste Produkt konzentriert: Logistik. Kritik kam damals vom Wettbewerb: "Das werden die nie überleben, das funktioniert hinten und vorne nicht. Logistik ohne Spedition gibt es nicht.“ Die Grevener lassen sich davon wenig beeindrucken und verfolgen zielstrebig ihre Vision – völlig gegen den Mainstream: „Es ist für den Kunden einfach attraktiver, mit einem Logistikdienstleister zu arbeiten, der nicht seine eigenen Netze füllen muss. Wir nennen das den Architekten, der keine eigene Baufirma hat. Damit haben wir genau ins Schwarze getroffen,“ erzählt Hugo, „die Kunden haben uns die Leistung aus der Hand gerissen.“ Ein logistisches Großprojekt folgt dem anderen. Karstadt, Jacobs Suchard, Pepsi, Obi, Kaufhof und viele andere mehr. 1992 entsteht das erste Warendienstleistungszentrum in Ibbenbüren. Für das Konzept erhalten die Fieges im Oktober desselben Jahres als erster Logistikdienstleister in Berlin den renommierten Deutschen Logistikpreis der Bundesvereinigung Logistik. Es entstehen weitere so genannte Mega-Center im elsässischen Huningue, in Erfurt und Berlin. Das Unternehmen wächst zweistellig und spielt längst in der Oberliga. Kontraktlogistik ist zum Standard in der Branche geworden und Fiege schreibt 2004 mit 11.000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 1,5 Milliarden Euro. Die Brüder Heinz und Hugo Fiege haben der Kontraktlogistik in Deutschland zum Durchbruch verholfen.

 

Aufhören wollen beide so schnell nicht, sie denken schon eher an eine noch stärker integrierte Kontraktlogistik der nächsten Generation. Apropos nächste Generation: Die steht bereits in den Startlöchern – wieder ein Brüderpaar. Allerdings soll es ein fließender Übergang werden. „Das ist es neben vielen Nachteilen auch ein gewisser Vorteil, dass wir zum Schluss länger arbeiten dürfen als andere,“ lacht Hugo.

 

Von Serge Voigt und Anita Würmser

Fotos: Jan Scheutzow

 

Verdienste

  • Aufgrund ihrer Pionierleistungen im Bereich der Kontraktlogistik und der so genannten ökologischen Logistik wurden die Brüder Heinz Fiege (*1945) und Dr. Hugo Fiege (*1949) gemeinsam im Jahr 2005 in die Logistik Hall of Fame aufgenommen. Ihnen fällt bei der Entwicklung hin zu einer modernen, umweltbewussten Full-Service-Logistik eine herausragende Vorreiterrolle zu. Eine Rolle, die gleichzeitig die Basis für die außergewöhnlich rasante Erfolgsgeschichte eines mittelständischen Logistikunternehmens wurde. Bei der Übernahme des väterlichen Betriebes erzielten Heinz und Hugo Fiege mit 600 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von gerade einmal vier Millionen Euro. Im Jahre 2004 kam der Kontraktlogistikdienstleister Fiege auf 11.000 Mitarbeiter in ganz Europa und einen Gesamtumsatz von 1,5 Milliarden Euro.
  • Heinz und Hugo Fiege haben bereits Ende der 70er Jahre den Schritt gewagt, ihren traditionsreichen Familienbetrieb vom klassischen reinen Transport- und Speditionsunternehmen zu einem ganzheitlichen Logistikdienstleister mit Transportneutralität umzuwandeln. Das Brüderpaar aus Greven hat damit einen Trend gesetzt, den beide bis heute konsequent fortsetzen und der in den folgenden Jahrzehnten für den Wandlungsprozess im gesamten logistischen Dienstleistungssektor bestimmend wurde. 1992 erhielten die Pioniere der Kontraktlogistik für ihr „richtungsweisendes, integriertes logistisches Gesamtkonzept” als erster Logistikdienstleister überhaupt den renommierten Deutschen Logistikpreis, den die Bundesvereinigung Logistik (BVL) seit 1984 jährlich verleiht.
  • Anfang der 90er haben die beiden Fiege-Brüder den Begriff der so genannten Ökologistik geprägt. Sie gaben sich nicht damit zufrieden, die richtigen Waren mit dem richtigen Verkehrsträger zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort bereitzustellen, sondern wollten das auch mit der geringst möglichen Umweltbelastung tun. Und sie bewiesen, dass man erfolgreich Logistik betreiben und gleichzeitig die Umwelt schonen kann. 1996 wurden Heinz und Hugo Fiege für dieses Engagement gemeinsam mit dem Titel „Ökomanager des Jahres” belohnt, den die Umweltstiftung WWF-Deutschland zusammen mit dem Wirtschaftsmagazin Capital jährlich an Führungspersönlichkeiten verleiht, die durch ihre umweltbewusste Unternehmensführung ein Vorbild für die gesamte deutsche Wirtschaft sind.
  • Einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der europäischen Logistik haben die Fiege-Brüder auch durch ihre aktive Verbandsarbeit geleistet. Heinz Fiege als Aufsichtsrat und Vorstand der Vereinigung Deutscher Kraftwagen-Spediteure (VKS), Hugo Fiege als Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung Logistik (BVL).

 

Fotos: Jan Scheutzow

 

Lebenslauf

Heinz Fiege

1945 geboren am 8. Februar in Greven

1961 technische und kaufmännische Berufsausbildung

1967 Eintritt in das väterliche, 1873 vom Urgroßvater Joan Joseph Fiege gegründete Speditionsunternehmen in Greven

seit 1970 Leitung des Betriebes

seit 1973 Geschäftsführender Gesellschafter der Fiege Gruppe Greven

1992 „Deutscher Logistikpreis” der Bundesvereinigung Logistik (BVL)

1996 Auszeichnung „Ökomanager des Jahres 1996” der Umweltstiftung WWF-Deutschland und des Wirtschaftsmagazins Capital

2005 Aufnahme in die Logistik Hall of Fame

 

Hugo Fiege

1949 geboren am 13. April in Greven

1959 bis 1968 Gymnasium in Greven

1968 bis 1973 Betriebswirtschaftsstudium an den Universitäten Fribourg/Schweiz und Münster

seit 1974 Geschäftsführender Gesellschafter der Fiege Gruppe Greven

1986 Promotion

1992 „Deutscher Logistikpreis” der Bundesvereinigung Logistik (BVL)

1996 Auszeichnung „Ökomanager des Jahres 1996” der Umweltstiftung WWF-Deutschland und des Wirtschaftsmagazins Capital

2005 Aufnahme in die Logistik Hall of Fame