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Hanspeter Stabenau

Portrait

Er liebt den großen Auftritt, und er beherrscht ihn. Seine Präsenz ist überwältigend, und nur wenige können seinem Charisma widerstehen. Eine Mischung, die den bekennenden Bahn-Fan mit dem Erkennungszeichen Fliege zu einem der erfolgreichsten Logistiker aller Zeiten gemacht hat. Hanspeter Stabenau.

 

Zeitzeugen lassen keinen Zweifel daran, dass es insbesondere seinem Wirken vor und hinter den Kulissen und seinem charismatischen Auftreten zu verdanken ist, dass sich die Logistik als betriebswirtschaftliche Funktion institutionalisiert und in Öffentlichkeit und Wirtschaft in nur wenigen Jahrzehnten als bedeutende Unternehmensfunktion in Deutschland etabliert hat.

Beispielhaft für diese Entwicklung ist der rasante Aufstieg der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Mehr als 20 Jahre leitet Stabenau als Gründer und langjähriger Vorsitzender die Geschicke der BVL und macht den Verein zu einem der erfolgreichsten Organisationen und den Deutschen Logistik-Kongress in Berlin zu der größten europäischen Logistikveranstaltung.

 

Als die Gründerväter der BVL vor 25 Jahren mit dem Klingelbeutel „arm wie die Kirchenmäuse“ und nur mit der Idee des System- und Netzwerkgedankens im Gepäck durchs Land zogen, um bei den damals besser situierten Verbänden, allen voran dem damaligen BSL und heutigen Deutschen Speditions- und Logistikverband (DSLV), ein paar Mark zu erbetteln, „hat keiner von uns mit dem Erfolg gerechnet“, sagt einer, der sichtbar stolz ist auf das Erreichte und auf seine Weggefährten und guten Freunde verweist: Allen voran den Chef eines der namhaftesten Logistiklehrstühle, Professor Helmut Baumgarten von der Technischen Universität Berlin, und den A.T.Kearney-Mann Manfred Türcks. Eine stabile Truppe, wie Stabenau sie nennt und ein freundschaftliches Netzwerk von Menschen, denen es viel Freude macht, in diesem Metier hart zu arbeiten.

 

Die Sternstunde und gleichzeitig der Scheideweg seiner beruflichen Karriere traf den studierten Volks- und Verkehrswissenschaftler und gelernten Schweißer im Alter von 27 wie ein Schlag. Sollte er als Leiter der Deutschen Außenhandels- und Verkehrsakademie (DAV) in Bremen Führungskräfte im Speditionswesen ausbilden oder dem Angebot eines großen Stahlunternehmens folgen, um dort Verkehrsdirektor zu werden?

Zwei Angebote, zwei Welten: Verkehrsdirektor in einem Stahlwerk kommt Anfang der 70er Jahre der Position eines ungekrönten Königs gleich – leben wie ein Fürst mit Villa und Dienstwagen. Die DAV dagegen fällt eher unter die Kategorie „viel Arbeit, wenig Brot“. Die Wahl, erzählt Stabenau ungewohnt still, fällt ihm leicht, und nie habe er seine Entscheidung für die DAV auch nur eine Sekunde bereut. Frei und uneingeschränkt gestalten zu können, dieser Verlockung kann er nicht widerstehen. Stabenau war immer einer, der weiß, was er will. Und er will nicht weniger, als die Logistik im Sinne einer übergreifenden Steuerungsfunktion als Branche und Unternehmensfunktion etablieren. Von Logistik ist freilich Anfang der 70er nicht die Rede. Als er 1971 im amerikanischen Stanford auf ein Seminar namens „Business Logistics” stößt, gibt es kein Halten mehr. „Ich war begeistert”, sagt er und aus den geplanten DAV-Versandleiter-Seminaren wurden kurzerhand Logistikmanagement-Seminare – und eine Vision. Ein festes Forum für den Gedankenaustausch Gleichgesinnter muss her. Ein Verein, in dem Handel, Industrie, Spedition und Wissenschaft eine logistische Heimat finden. Ein solches Vorhaben grenzt damals an Spinnerei, wenn nicht gar an Größenwahn. Da trifft es sich, dass auch der mächtige Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gerade an die Gründung eines Arbeitskreises Logistik denkt. Stabenau ergreift die Gunst der Stunde und gründet 1978 zusammen mit dem BDI die Bundesvereinigung Logistik. Der BDI steuert das für die damaligen Verhältnisse stattliche Startkapital von 5000 Mark bei.

 

Die Lebensfreude sprudelt förmlich aus ihm heraus, seine Begeisterung ist ansteckend und sein Prinzip so simpel wie wirkungsvoll: „Man hat im Beruf immer nur dann Erfolg, wenn einem seine Aufgabe Freude macht.“ Was andere sich mühsam in Motivationsseminaren aneignen müssen, ist ihm gegeben. Der maximale Spaßfaktor und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein.

Seine Neugier zeichnet ihn aus, an seiner Ungeduld will er arbeiten und die Dinge in Zukunft lockerer nehmen. Nicht jedoch, wenn es um die Sache geht, und schon sprudelt: „Wir müssen zu einer anderen Managementauffassung von Logistik kommen. Ein nutzerfinanziertes Gesamtsystem Verkehr, um die Mobilität der Zukunft zu sichern, die Abschaffung der funktionalen Ausbildung des Nachwuchses als „einzig wirkungsvollen Ansatz, um Veränderungen in der Wirtschaft herbeizuführen“, und die Integration der Verkehrsträger in ein Gesamtsystem, das würde ihm schon noch Spaß machen, lacht er laut.

Nur eines mag er nicht: Auto fahren. Ein Auto hat er nie besessen, wozu auch, lacht er schallend, er könne es ja gar nicht bedienen. Das Steuer des Audi A4 hat bei Stabenaus nämlich der weibliche Part der Familie in der Hand.

 

Von Anita Würmser

Fotos: BVL, Erwin Fleischmann, Anita Würmser

 

Verdienste

  • Dr. Hanspeter Stabenau (*1934) ist es zu verdanken, dass die Logistik in der Öffentlichkeit und der Wirtschaft in nur wenigen Jahrzehnten einen enormen Bekanntheitsgrad erlangt hat.
  • Durch seine charismatische Persönlichkeit und durch seine fachliche Kompetenz hat sich die Logistik binnen 20 Jahren zu einer in Politik und Wirtschaft vielbeachteten Unternehmensdisziplin entwickelt. Ihm gebührt der Verdienst, der Wegbereiter der modernen Logistik in Deutschland zu sein. Stabenau wurde im Jahr 2004 in die Logistik Hall of Fame aufgenommen.
  • Stabenau hat die Bundesvereinigung Logistik (BVL) maßgeblich gegründet. 1976 hat er das 1. Logistikmanagementseminar zusammen mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) initiiert und durchgeführt. Aus diesem Arbeitskreis des BDI wurde 1978 unter seiner Federführung die BVL e.V., mit ihm als Vorstandsvorsitzenden bis zum Jahre 1999. In dieser Zeit hat er den Verband und die Logistik geprägt wie kein anderer. Er hat sein Leben in den Dienst der Logistik gestellt und mit der Gründung der BVL eine Plattform für Logistikdienstleister, Industrie- und Handelslogistiker geschaffen. Die BVL zählt heute zu den wichtigsten Logistikverbänden und veranstaltet alljährlich den deutschen Logistikkongress in Berlin. Heute ist Stabenau ihr Ehrenvorsitzender und Vorsitzender der Stiftung BVL zur Forschung und Bildung.
  • Zeitzeugen lassen keinen Zweifel daran, dass es ausschließlich ihm und seinem charismatischen Auftreten zu verdanken ist, dass die Logistik zu einer bedeutenden Unternehmensfunktion geworden ist. Stabenau war und ist Transportlogistiker. Dennoch hat er durch sein enormes persönliches Engagement und seine Weitsicht die verschiedensten Branchen, Wissenschaftsdisziplinen, Unternehmensfunktionen und Persönlichkeiten in der BVL vereint und damit die Basis für eine übergreifende Logistik geschaffen. Er hat die Bedeutung und das Potenzial der Logistik als übergreifende Steuerungsfunktion bereits in den frühen 70ern des 20. Jahrhunderts erkannt und diese Denkweise in den Köpfen der Fachwelt etabliert. Er gehört zweifelsohne zu den Visionären der Logistik, die es geschafft haben, ihre Vision gegen alle Widerstände in die Praxis umzusetzen.
  • Im Mai 1995 wurde Hanspeter Stabenau das Bundesverdienstkreuzes für seine ehrenamtliche Tätigkeit in der Logistik verliehen.

 

Fotos: BVL, Erwin Fleischmann, Anita Würmser

 

Lebenslauf

1934 geboren am 1. November in Königsberg (Ostpreußen)

1954 bis 1959 Studium der Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Verkehrswissenschaft an der Universität Köln; Abschluss Diplom-Volkswirt

1959 bis 1961 Assistent am Institut für Verkehrswissenschaft der Universität Köln

1961 Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Köln

1961 Berufung als zweiter hauptberuflicher Dozent an die Deutsche Außenhandels- und Verkehrsschule (DAV), Bremen

1966 Übernahme der Studienleitung an der DAV

1979 Berufung zum Hauptgeschäftsführer des Förderkreises Wirtschaft e.V. Trägerverein der Deutschen Auflenhandels- und Verkehrs-Akademie (DAV), Bremen, und des Seminars für Weiterbildung in der Wirtschaft (SfW), Bremen, zugleich zum Sprecher der neu gebildeten Geschäftsführung des Vereins

1979 bis 1999 Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik e.V.

1994 bis 1999 Vorsitzender des Vorstandes Stiftung DAV, Bremen

1995 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

1995 bis 1999 Geschäftsführer Deutsche Logistik Akademie (DLA), Bremen

seit 2000 Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung DAV und Vorsitzender des Programmbeirates der DLA

2004 Aufnahme in die Logistik Hall of Fame