| Hans-Christian Pfohl |
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PortraitDeutschland ist führend in Logistikforschung und -lehre, nirgendwo gibt es mehr Logistikprofessoren. Fragt man aber im Ausland nach einem deutschen Logistikprofessor mit Weltruf, kommt meist nur ein Name: Hans-Christian Pfohl, Professor für Unternehmensführung und Logistik an der Universität Darmstadt und rund 30 Jahre lang die Visitenkarte der deutschen Logistikforschung in der Welt.
Doch Pfohl ist weit entfernt vom Prototyp eines weltfremden Grundlagenforschers. Sein von ihm aufgebauter Lehrstuhl ist für seine Praxisnähe bekannt und zählt zu den ersten Adressen in der Logistikausbildung. Seine Logistikkarriere beginnt unspektakulär. Als 1968 das Thema Logistik aus Amerika nach Deutschland schwappt, ist mit „Marketinglogistik“ das Promotionsthema schnell gefunden. Ein Spontanentschluss, den seine damaligen Professoren gerne akzeptieren. Zu der Zeit fällt auch die Entscheidung für die wissenschaftliche Karriere. Sehr zum Missfallen des Schwiegervaters. Der Patriarch hat den 26-Jährigen für eines der beiden mittelständischen Maschinenbauunternehmen schon fest eingeplant. „Das ist totaler Unsinn, mach´ was Vernünftiges“, kommentiert der Schwiegervater die Entscheidung für die Wissenschaft.
Ein typischer Logistikprofessor wird er dennoch nie. Hans-Christian Pfohl trägt Ballonjacke statt Anzugjackett, den Weg zur Uni fährt er mit dem Rad oder mit seinem alten klapprigen BMW. Er lehrt Unternehmensführung, ein Unternehmen führen will er nie. Eine Beratung gründen, wie es bei Logistikprofessoren schon fast zum guten Ton gehört, ist auch nicht sein Ding. Das sei der Forschung nicht zuträglich, meint er trocken. Man müsse sich zwischen der Wirtschaft auf der einen und Forschung und Lehre auf der anderen Seite entscheiden. Selbst Angebote, die in Richtung Wissenschaftsmanager gingen, wie etwa eines vom renommierten Fraunhofer-Institut, schlägt er stets aus. „Ein großes Unternehmen bringt mir vielleicht mehr Macht und mehr Geld, aber die Freiheit, die ich habe, ist unbezahlbar“, sagt er. „Es gibt keinen Beruf, der mehr Selbstbestimmung lässt, als den des Professors“. Drängt sich unweigerlich eine Frage auf: Kann ein Hochschulprofessor Unternehmensführung lehren, ohne jemals ein Unternehmen gesteuert zu haben? Klar, lacht Pfohl ganz unbescheiden. Ganz so unpraktisch veranlagt und unternehmerisch unerfahren, wie er gerne glauben machen möchte, ist der Hochschullehrer nämlich nicht. Neben der hehren Wissenschaft, vertritt er seit langen Jahren als Gesellschafter die beiden Unternehmen seines Schwiegervaters. Er trifft alle strategische Entscheidungen, und so werden auch alle Investitionen über 100.000 Euro von ihm mit entschieden.
Kontakte zur Wirtschaft hält er sowieso für unerlässlich und sein Netzwerk in die Praxis ist wahrscheinlich engmaschiger gestrickt, als die meisten ahnen – mit Sicherheit aber internationaler als das seiner Berufskollegen. „Das Problem ist, dass die älteren Kollegen zu wenig Sprachkenntnisse haben“, schimpft er. „Die Professoren müssten es als ihre Aufgabe ansehen, international präsenter zu sein“, lautet seine Forderung. Das Sprachproblem hat er nicht. Schon als Student hält Pfohl im afrikanischen Guinea Seminare über Buchführung in französischer Sprache. Heute lehrt er unter anderem in Frankreich, Spanien und China oder bildet Logistikausbilder im Ausland aus. Gefürchtet ist er indes für etwas anderes: Der Professor stellt gerne unangenehme Fragen. Wenn Logistiker nicht müde werden die technischen Finessen, die strategische Bedeutung oder die qualitativen Vorzüge ihrer Logistiklösungen in allerlei bunte PowerPoints zu packen, holt er sie mit seiner Lieblingsfrage und einem verschmitzten Lächeln wieder auf den Boden der Tatsachen: „Und welchen Beitrag leistet die Logistik zum Unternehmenswert?“ Er stellt sie zuerst, die Killerfrage der Logistik, deren Beantwortung er seine Karriere gewidmet hat. Viele deutsche Logistiker, sagt er, kommen von der technischen Seite, zu viele. Das verkaufe sich schwer als strategische Funktion. Logistiker müssten von der Finanzseite kommen, ist er überzeugt. „Denn wenn wir die Bedeutung der Logistik für den Unternehmenswert nicht deutlich machen können, wird sich Logistik als Querschnittfunktion nicht etablieren.“ Persönlich unzufrieden ist er mit einem: „Ich arbeite schon ewig daran, die Bedeutung der deutschen Logistik in der Welt höher anzusiedeln – der amerikanischen Logistik eine europäische entgegenzusetzen. Das habe ich noch nicht geschafft“, sagt er. Deutschland habe auch heute noch ein Vermarktungsproblem in der Logistik, in der Wissenschaft gleichermaßen wie auch in den Logistikbereichen internationaler Konzerne. Die Europäer müssen ihre Fähigkeit, differenzierte Logistikketten anbieten zu können, wesentlich stärker hervorheben. „Wir rennen immer noch den amerikanischen Modeworten hinterher und produzieren kein eigenes.“
Die nächste Logistiker-Generation wird das wohl richten müssen, dafür will er sorgen. Deshalb engagiert er sich mehr als nötig für seine Studenten – allesamt Wirtschaftsingenieure oder Wirtschaftsinformatiker. Der Auslandsaufenthalt ist obligatorisch und „meine Studenten müssen nicht nur in der Lage sein, wissenschaftlich zu arbeiten, sondern auch ihre Ergebnisse gut zu präsentieren und verkaufen können“. Ganz im Sinne des Lehrers. Die Fragen des Professors sind berüchtigt, sie legen das ganze Dilemma der Logistik offen. Zurzeit sind es wieder zwei, die ihn beschäftigen: Welchen Beitrag liefert die Logistik zur Produktinnovation? Und: Was sind echte Innovationen in der Logistik? Man darf gespannt sein, übrigens auch auf sein nächstes Buch, das wieder ein Bestseller zu werden verspricht. Das erste Grundlagenwerk zu Supply Chain Management, das den Anspruch erfüllt, dem Thema eine theoretische Basis zu geben.
Von Anita Würmser Fotos: Oliver Tamagnini
Verdienste
Fotos: Oliver Tamagnini
Lebenslauf1942 geboren am 14. März in Gablonz 1975 bis 1982 Ruf als BWL-Professor an die Universität Essen-Gesamthochschule, wo er den Lehrstuhl für Organisation und Planung inne hat 1982 Ruf an die TU Darmstadt, wo er den Lehrstuhl für Unternehmensführung & Logistik an der Technischen Universität Darmstadt aufbaut und leitet. Rufe an die Universitäten Mainz und Düsseldorf lehnte er ab seit 1984 engagiert in der European Logistics Association (ELA) Brüssel (Dachverband aller nationalen Logistikgesellschaften Europas), seit 1984 Mitglied des Boards; 1998 Vizepräsident, 1999-2001 Präsident; 2001-2004 Vizepräsident; seit 1995 Leiter des „Research and Development Committee“ 1996 Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Veszpém, Ungarn 2001 Literati Club Award for Excellence Outstanding Paper International Journal of Physical Distribution & Logistics Management 2006 Aufnahme in die Logistik Hall of Fame Zahlreiche Ämter in Wissenschaft, Verbänden und Wirtschaft, darunter Leiter des Instituts für Logistik e.V., Vizepräsident der European Logistics Association (ELA), Leiter des Ausschusses für Forschung und Entwicklung der ELA, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der BVL sowie Mitglied des Beirats der VDI-Gesellschaft Fördertechnik Materialfluss Logistik (FML)
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