| Gottfried Schenker |
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PortraitWien 1, Wildpretmarkt 8. In der ersten Bürogemeinschaft der „Schenker & Co.“ hatte eine der bedeutendsten Ideen in der Logistik ihren Ursprung. Heute ist in jeder Stadt, die etwas auf sich hält, eine Straße nach dem Mann benannt, der diese Idee in die Tat umgesetzt hat. Gottfried Schenker, Gründer der gleichnamigen Spedition, hatte als erster die Idee, Einzelsendungen zu Transporteinheiten zu bündeln und mithilfe mehrerer Verkehrsträger über weite Strecken zu befördern. Daraus entwickelte sich ein preiswertes und schnelles Transportsystem, das die Stärken von Schiene, Straße und Wasserwegen nutzte.
Der legendäre erste Sammelwaggon wurde 1873 auf der Linie Paris – Wien abgefertigt, die Geburtsstunde des internationalen Bahnsammelverkehrs und der Grundstein für eines der erfolgreichsten Logistikdienstleistungsunternehmen der Welt. Seither gilt Schenker als Vater des Bahnsammelverkehrs und Wegbereiter des Kombinierten Verkehrs. Dafür, da war sich die Jury einig, gebührt ihm postum ein Platz in der Logistik Hall of Fame.
Mit Logistik verbindet den jungen Schenker, der als achtes von zwölf Kindern in dem kleinen Schweizer Dorf Däniken im Kanton Solothurn aufwächst, allenfalls eine der ersten Schweizer Bahnlinien, die in der Nähe seines Hauses gebaut wurde. Die fasziniert ihn zwar schon als Kind, aber zunächst will er Jurist werden. Er besucht die Kantonsschule in Aarau und beginnt nach der Matura 1861 ein Jurastudium in Heidelberg, nebenbei arbeitet er als Journalist. 1865 bricht er wegen Konkurs der väterlichen Schlosserei und dem Tod des Vaters ab. „Fort mit der Juristerei, mit Politisieren und Zeitungschreiben, fort auf Dein eigenes Pferd“, schreibt er damals und fängt als Beamter bei der Schweizer Centralbahn in Basel an. Schenker entpuppt sich als Tarif- und Verhandlungsgenie und macht gleich Eindruck bei seinen Chefs. Doch seine Ideen sind der Zeit voraus und in den Amtsstuben hält ihn nichts. Zu Beginn des Eisenbahnbooms sieht er große Chancen im Ost-West-Verkehr und er kommt 1867 für seinen damaligen Arbeitgeber, die Spedition Braff & Eckert nach Wien. Die Stadt ist eine internationale Handelsdrehscheibe, in der zehn Sprachen gesprochen werden. Das boomende Eisenbahnzeitalter, die beginnende Globalisierung und der damit rasant ansteigenden Warenaustausch bieten gerade das rechte Umfeld für Schenkers Ideen.
Seine Anstellungen bei Braff und später Elkan & Co. bringen ihn in den ersten Jahren an fast jeden wichtigen Handelsplatz in Europa, aber auch an die Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit. Silvester 1867 verbringt er völlig erschöpft im Krankenhaus. Die kräftezehrenden Reisen nach Paris, London Budapest, Hannover, Prag, Harburg, Berlin oder Hamburg sollten sich erst später auszahlen.
Schenker will mehr, und ist die zermürbenden Diskussionen mit seinen Arbeitgebern leid. „Ich will Selbstständiges schaffen“, schreibt er 1868 an seinen Speditionsfreund Charles Fischer nach Genf. Von einer seiner Reisen zurückgekehrt, setzte er das Vorhaben 1869 in die Tat um. Er kündigt, lässt sich endgültig in Wien nieder, heiratet und beginnt in Wien 4, Favoritenstraße 9, Transportgeschäfte zu Sondertarifen auf eigenen Namen abzuwickeln. Seine Frau Barbara „Betty“ erledigte die Büroarbeit. Er scheitert in den Wirren des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Das Blatt wendet sich zwei Jahre später, als er zusammen mit Moritz Karpeles (37) aus Tab/Ungarn und Moritz Hirsch (33) aus Prossnitz/Mähren die Firma „Schenker & Co.“ als offene Handelsgesellschaft gründet. Die beiden wohlhabenden Kaufleute erkennen sofort das Potenzial seiner Ideen, vor allem das Vorhaben, das Speditionsgeschäft international auszuweiten und in das Seeverkehrsgeschäft einzusteigen, begeistert sie. Das Gründungskapital der Firma beträgt 50.000 Gulden und obwohl auf Schenker selbst nur 10.000 Gulden entfallen, bekommt er 50 Prozent des Gewinns. Der erste Standort ist die Bürogemeinschaft in Wien 1, Wildpretmarkt 8.
Doch zunächst versetzt der reisegewohnte Netzwerker und Vertriebsprofi die beiden eher bescheidenen und sparsamen Partner mit seinen ausgedehnten Reisen in Angst und Schrecken. Sein Vorhaben, einen Bahnsammelverkehr auf der Linie Paris – Wien zu etablieren, erfordert mehrwöchige Reisen in die Vergnügungsmetropole Paris und Schenker logiert schon mal drei Wochen lang im Grand Hotel. Man erzählt sich, dass Karpeles und Hirsch bereits um ihr Investment bangend Konsequenzen ziehen wollen. Schenker, dem das nicht verborgen geblieben ist, reagiert prompt und schlägt vor, die Paris-Reise aus eigener Tasche zu begleichen. Es gelingt ihm, die Agentur der französischen Ostbahn zu übernehmen. Als der erste Sammelwaggon 1873 auf der Linie Paris – Wien abgefertigt und zum vollen Erfolg wird, ist unter den drei Freunden alles vergessen. Geladen sind unter anderem Champagner, Cognac, Bordeaux-Weine, Modewaren und andere Luxusartikel für die Wiener Gesellschaft in der k. k. Monarchie. Während die Hauptläufe vorwiegend auf der Schiene stattfinden, werden die entsprechenden Hausabholungen und -zustellungen noch mit Pferdefuhrwerken durchgeführt. „Von Haus zu Haus in einer Hand“ wird zum Erfolg, entsprechend schnell wächst das Niederlassungsnetz. Die erste wird 1874 in Budapest gegründet, es folgen Triest, Prag, Belgrad, Sofia, Saloniki und Konstantinopel. Noch zu Lebzeiten Gottfried Schenkers sind es 32 Niederlassungen in 13 europäischen Ländern und 1000 Mitarbeiter. Heute ist Schenker eine Tochter der Deutsche Bahn AG und bietet mit 91.000 Mitarbeitern an rund 2.000 Standorten weltweite Transport- und Logistikdienstleistungen und erwirtschaftete 2009 rund 19 Milliarden Euro.
Schenkers großer Vorteil ist der fixe und vor allem günstige Frachttarif für Stückgut. Er bringt damit nicht nur Licht in den Tarif-Dschungel des Speditionsgewerbes, sein Wettbewerbsvorsprung liegt im Einkaufsvorteil. Schenker ist geschickt im Verhandeln und hat durch seine zahlreichen Auslandsreisen ein dichtes Netzwerk an Freunden und Geschäftspartnern, die seine revolutionären Ideen unterstützen. Er führt den Bahnen Masse zu, garantiert Mindestmengen und erhält im Gegenzug Sonderkonditionen. Zwischen 1880 und 1894 schließt er Agenturverträge mit 11 nationalen Bahnverwaltungen. Im Vertrag mit der Hessischen Ludwigs-Eisenbahn garantiert er zum Beispiel eine Mindestmenge von 1000 Waggons pro Jahr. Besonders wichtig ist der Vertrag mit den königlich-bayerischen Verkehrsanstalten in München, der zum starken Ausbau des Transitverkehrs via Bayern und zu den Donauhäfen führt. Nach dem Ankauf von 60 eigenen Eisenbahnwaggons ist Schenker 1891 das einzige Unternehmen, das von London bis Konstantinopel durchgehend kalkulierte Tarife anbieten kann.
Von Anita Würmser Fotos: Schenker
VerdiensteSchenker gilt als „Erfinder des Bahnsammelverkehrs“. Er hatte erstmals die Idee, Kleinsendungen zu einer größeren Transporteinheit zu bündeln und mithilfe mehrerer Verkehrsträger über weite Strecken kostengünstig und schnell zu befördern. Mit dieser Innovation legte er den Grundstein für den internationalen Bahn-Sammelgutverkehr und damit für eines der erfolgreichsten und bedeutendsten Logistikdienstleistungsunternehmen, die Spedition Schenker.
Fotos: Schenker
Lebenslauf1842 geboren am 14. Februar in Däniken bei Olten in der Schweiz 1861 Jurastudium in Heidelberg 1865 Beamter bei der Schweizerischen Centralbahn 1866 Wechsel zu F. Braff & Eckert, der Agentur der französischen Ostbahn 1867 Leiter der Braff & Eckert-Filiale Wien 1868 Leiter der Wien-Agentur der Hamburger Spedition Elkan & Co. 1869 kurzzeitig selbstständig 1871 Fachmann für Tarifwesen bei der Spedition Rappaport & Kann 1872 Gründung der Spedition Schenker & Co. in Wien, zusammen mit Moritz Karpeles (1834 – 1903) und Moritz Hirsch (1839 – 1906), den Inhabern der Spedition Karpeles & Hirsch. Karpeles & Hirsch wurde später mit Schenker verschmolzen 1873 Einrichtung der ersten Bahnsammelgutverkehre auf der Linie Wien-Paris ab 1874 Gründung der Niederlassungen Budapest, Triest, Prag, Belgrad, Sofia, Saloniki und Konstantinopel 1880 Beteiligung an der Adria Dampfschifffahrts-Gesellschaft 1895 Gründung der Austro-Americana Shipping Company 1901 Gottfried Schenker stirbt am 26. November in Wien und ist auf dem Heiligenstädter Friedhof in Wien beigesetzt Nachfolger wird sein Adoptivsohn Dr. August Schenker-Angerer. Schenker hat 32 Niederlassungen in 13 europäischen Ländern und 1000 Mitarbeiter 2010 Aufnahme in die Logistik Hall of Fame
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